Der Hegemann-Skandal – oder: Sorry seems to be the hardest word

Februar 13, 2010 Hinterlasse einen Kommentar

Der Skandal

Wer sich für Literatur halbwegs interessiert und die letzte Woche nicht unter einem Stein verbracht hat, dem dürften  die Titel Axolotl Roadkill und Strobo mittlerweile vertraut sein. Ersteres ist der Debüt-Roman der 17-jährigen Helene Hegemann, aktuell auf Platz 5 der Spiegel-Bestsellerliste. Letzteres ist die — bisher — obskure Autobiographie eines Bloggers, der sich nur „Airen“ nennt.

Das Problem? Die gefeierte Jungautorin hat bei dem Blogger abgeschrieben. Nachweislich. Wortspiele, Szenen und ganze Absätze aus Strobo finden sich 1:1 in Axolotl Roadkill wieder. Zu deuteln gibt’s da nichts.


Die Ausreden

Das sahen Helene Hegemann und ihre Verlegerin wohl genauso. Beide haben sich inzwischen für die nicht ausgewiesenen Zitate entschuldigt. Ob man diese Entschuldigung wirklich als solche bezeichnen kann, steht wiederum auf einem anderen Blatt.

Der Ullstein-Verlag bezieht zwar klar Position, merkt aber im selben Atemzug an, dass man „[ü]ber die Verantwortung einer jungen, begabten Autorin, die mit der „sharing“-Kultur des Internets aufgewachsen ist […]“, streiten könne.

Äh, nein. Das kann man nicht, und wer Gedankenklau zum eigenen Vorteil mit der „’sharing‘-Kultur des Internets“ gleichsetzt, der beweist lediglich, dass er von dieser Kultur in etwa so viel Ahnung hat wie ein Fisch vom Fahrradfahren.  Ich möchte mal sehen, wie der Ullstein-Verlag reagiert, wenn seine Autoren demnächst auf diese Art und Weise „zitiert“ werden.

Helene Hegemann hat nicht gecovert, re-mixt, zitiert oder neu interpretiert. Sie hat einem anderen buchstäblich die Worte aus dem Mund genommen und sie dann als ihre ureigenen verkauft.  Das geht nicht, weder in der „’sharing‘-Kultur des Internets“, noch sonstwo.

Wenn jemand diesen Artikel hier in seinem Blog re-posten, zitieren oder kommentieren will, — super! Wenn jemand seinen Namen unter diesen Artikel setzt und ihn dann als selbst verfasst auf seinen Blog stellt, — weniger super. Der Unterschied ist doch eigentlich relativ klar, oder?

Vielleicht war Helene Hegemann wirklich nur naiv und gedankenlos. Mag sein; — immerhin ist sie gerade mal 17. Ihre Stellungnahme hätte jedenfalls aus genau einem Wort bestehen sollen: „Entschuldigung.“

Aber Pustekuchen. Anstatt einen Hauch von ehrlicher Einsicht zu zeigen, stilisiert Hegemann die Sache mit einer Batterie an bedeutungslosen Worthülsen zur Grundsatzfrage hoch.  Plötzlich ist sie das Opfer. Es geht nicht darum, dass sie sich mit fremden Federn geschmückt hat. Nein, eigentlich geht es doch darum, dass ihr Roman  „[…]mit diesem Jahrzehnt […] zu tun hat, […] mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess […]“. Es geht darum, dass alles „[…] was wir machen, […] eine Summierung aus den Dingen [ist], die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen“.  Und vor allem geht es darum, dass es keine Originalität gibt, nur Echtheit.

Was Abschreiben mit Echtheit zu tun hat, weiß wohl außer dem Wunderkind niemand, aber was soll’s? Hauptsache, es klingt gut.


Das eigentliche Problem

Liebe Helene: Welche Farbe hat der Himmel in Deiner Welt? Anstatt mit den Augen zu rollen und gegen die bösartige Medienhetze zu wettern, solltest Du vielleicht einfach akzeptieren, dass Du einen Fehler gemacht hast. Hör‘ auf, Dich rausreden zu wollen. Hör‘ auf, Dich wie ein verzogenes Kind aufzuführen, das irgendwie um den verdienten Stubenarrest herumkommen will. Vielleicht würde man Dir Deinen Fehler dann nicht so übel nehmen.

Übrigens: Der Titel dieses Beitrags zitiert Elton Song Sorry seems to be hardest Word. Wir wollen ja sauber bleiben.😉

Mein Niiuview

Dezember 8, 2009 1 Kommentar

Weder das Internet noch die gedruckte Tageszeitung bilden das Informationsverhalten und den Lifestyle junger Leute ausreichend ab […]. Das wollen wir ändern: mit einem Produkt, das zum einen die persönlich ausgewählten Inhalte der Zeitungen bietet, […] und das zum anderen aber auch die Vielfalt des Internets widerspiegelt, das bis heute keinen Platz in der klassischen Tageszeitung findet.


So lautet das Mission Statement der Niiu, Deutschlands erster individueller Tageszeitung, die jeder Abonnent nach eigenen Vorlieben zusammenstellen kann. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten habe ich die Niiu nun eine Woche lang testen können, und ich muss sagen: Das Produkt ist spitze. Bis jetzt habe ich mich dem etablierten Konzept der Tageszeitung erfolgreich verweigert. Dies hat vor allem drei Gründe:


Gründe, keine Tageszeitung zu lesen

Erstens habe ich  einfach nicht jeden Tag Zeit und Ruhe, mich ausführlich mit einer Zeitung zu beschäftigen, und meine Altpapiertonne ist nun wirklich voll genug. Ich brauche kein Geld ausgeben, um zusätzlichen Papiermüll dazu zu kaufen.

Zweitens ist mir unter den traditionellen Tageszeitungen noch keine begegnet, die mir das erwähnte Geld regelmäßig wert gewesen wäre.  Ich habe keine Verwendung für mehrseitige Sportteile,will keine Börsenkurse studieren und es interessiert mich nicht die Bohne, welcher C-Promi im Rausch eines schlechten LSD-Trips auf die grandiose Idee gekommen ist, von einem Hoteldach zu urinieren. Leider beschäftigen die gängigen Tageszeitungen sich mehr oder minder ausführlich auch mit diesen Dingen, womit wir wieder beim Thema Papiermüll wären.

Drittens bin ich kein Freund von vorgekauten Nachrichten; — ich möchte die Fakten kennen und alle Seiten einer Geschichte beleuchtet sehen, ehe ich mich für eine entscheide. Traditionelle Tageszeitungen sind mit diesem Anspruch — verständlicherweise — überfordert. Wer verschiedene Perspektiven und Meinungen will, der muss verschiedene Blätter kaufen und vergleichen.


Niiu — Zeitung 2.0

Zwei dieser Probleme löst die Niiu sourverän. Das Baukastensystem, das  mit einer beträchtlichen Auswahl bekannter  Zeitungen und Blogs aufwartet,  ermöglicht es, innerhalb von Minuten die persönliche Wunschzeitung zusammen zu stellen. Im Briefkasten landet nur, was man auch lesen will. Meine Niiu enthält z.B. die Titelseite der Berliner Morgenpost, die Feuilleton- und Politik-Ressorts verschiedener Blätter, einen Wirtschaftsteil aus dem Handelsblatt, sowie die akutellen Themen der New York Times. Ummantelt wird diese Auswahl von diversen Blog-Einträgen, denen Vorder- und Rückseite der Niiu gehören.

Hier und da leidet der Lesekomfort einzelner Inhalte unter der Anpassung an das Format der Niiu. Soweit ich das beurteilen kann, sind von dieser Problematik allerdings nur wenige Quellen, wie z.B. die New York Times, betroffen, und auch diese bleiben durchaus lesbar. Eine Optimierung des Leserkomoforts wäre sicher wünschenswert, aber wirklich ins Gewicht fällt dieses kleine Manko für mich nicht.


Kinderkrankheiten und Kunden-Service

Störender waren dagegen die Probleme in der Zustellung. Bis meine Niiu tatsächlich zuverlässig jeden Morgen einzutrudeln begann, ging eine gute Woche ins Land. Inzwischen klappt das sehr gut. Dafür lässt der Zusteller sich nun gern mal dazu hinreißen, zu nachtschlafender Zeit Sturm zu klingeln, um Zugang zu Hausflur und Briefkasten zu bekommen. Gerade am Samstag neige ich dazu, so etwas übel zu nehmen. Der Einsatz ist lobenswert, die Umsetzung eher zweifelhaft. Hier muss das Niiu-Team noch etwas nachbessern.

Dazu ist man bei der Niiu aber glücklicherweise allzeit bereit. Ich habe selten einen so engagierten und zuvorkommenden Kunden-Service erlebt. Man entschuldigte sich unumwunden für die anfänglichen Lieferschwierigkeiten, verlängerte mein kostenloses Probe-Abo um mehrere Ausgaben und versprach, ich könne die Niiu solange gratis testen, bis ich sie zuverlässig erhalte und auch mit dem Endprodukt zufrieden bin. Was will man mehr?


Erfolg auf der ganzen Linie

Inzwischen habe ich die Niiu wie gesagt eine Woche lang ausgiebig testen können. Und ich bin zufrieden.

Nach wie vorher habe ich das anfangs erwähnte Zeitproblem. Dieses zu lösen, liegt allerdings nicht in der Verantwortung des Niiu-Teams. Ob ich mir die Zeit zur täglichen Zeitungslektüre nehmen kann, muss ich selbst wissen. Ohne die Niiu stünde dieses Thema aber gar nicht zur Debatte.

Das Konzept geht voll auf, und das Endprodukt kann sich mehr als sehen lassen. Es gibt eigentlich niemanden, dem ich ein Probe-Abo nicht uneingeschränkt empfehlen würde.

Kritik: ‚Das Jalta-Spiel‘

Dezember 5, 2009 Hinterlasse einen Kommentar

Gestern hatte im TiK Süd ‚Das Jalta-Spiel‘ unter der Regie von Miriam Fehlker Premiere. Ich hatte das Vergnügen, dabei sein zu dürfen.


„Die einzige Wirklichkeit ist die Wirklichkeit in meinem Kopf.“

Den ersten Teil des Abendes bildete der titelgebende Einakter, beruhend auf Tschechows Erzählung ‚Die Dame mit dem Hündchen‘. Es ist die Geschichte von Anna und Dmitrij, die sich im Urlaub auf Jalta begegnen und eine Affäre beginnen — oder eben nicht. Da kann man sich nie ganz sicher sein, und das ist gut so. Miriam Fehlker insziniert ein subtiles Verwirrspiel, in dem alles sein kann, aber nichts sein muss. Wo die Fantasie der Charaktere endet und die Realität der Handlung beginnt, bleibt dem Zuschauer überlassen. (Ich persönlich mag ja die Vorstellung, dass Dimitrij ein depressiver, gealteter Aufreisser ist, der den Herbst seines Lebens nur ertragen kann, indem er sich immer wieder junge, hübsche Frauen herbeifantasiert, die sich unsterblich in ihn verlieben. Aber das ist ein anderes Theme.😉 )

Laura Daub und Christian Harting machen eine tolle Figur als Anna und Dimitrij.  Sie gibt sich mal zurückhaltend, mal aufbrausend, mal leidenschaftlich, aber immer überzeugend. Ihm nimmt man den gesetzten, welterfahrenen Mann trotz seiner Jugend vom ersten Moment an ab. Die silberne Sweeney-Tood-Locke ist ein netter Touch, die gekonnt Dimitrijs Alter betont, ohne den Zuschauer mit überzogenem Make-Up zu irritieren.  Gelegentlich merkt man Laura und Christian einen Hauch von Nervosität an; — in Anbetracht ihrer souveränen Leistung fällt das jedoch kaum ins Gewicht.

Die gekonnte musikalische Untermalung von Lili Sommerfeld am Klavier tut ihr übrigens, um Jalta nach Berlin zu bringen.


„Ein gesprochenes Wort ist wie ein freigelassener Vogel, den man nicht wieder einfangen kann.“

Die Wahrheit hinter diesem sudanesischen Sprichwort belegten im zweiten Teil des Abends Roman Rehor am Mikrofon und die bereits erwähnte Lili Sommerfeld am Klavier. Sie interpretierten und improvisierten auf der Bühne eine Reihe von Texten aus dem Publikum. Vom Liebesgedicht über die Nähanleitung bis hin zum Märchen-Porno war fast alles dabei, und erstaunlicherweise konnte jeder Beitrag mit einem ganz eigenen Stil und Charme aufwarten. Ich war sehr beeindruckt; — gerade in Anbetracht der nur 20-minütigen Vorbereitungszeit, die Lili und Roman für diese Improvisation vergönnt war.

Kurzum: Wer  in Berlin ist und gestern nicht im TiK war, der sollte heute oder morgen unbedingt gehen. Es lohnt sich!

Kategorien:Events, Kunst und Kultur Schlagwörter: ,
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