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Kritik: ‚Das Jalta-Spiel‘

Dezember 5, 2009 Hinterlasse einen Kommentar

Gestern hatte im TiK Süd ‚Das Jalta-Spiel‘ unter der Regie von Miriam Fehlker Premiere. Ich hatte das Vergnügen, dabei sein zu dürfen.


„Die einzige Wirklichkeit ist die Wirklichkeit in meinem Kopf.“

Den ersten Teil des Abendes bildete der titelgebende Einakter, beruhend auf Tschechows Erzählung ‚Die Dame mit dem Hündchen‘. Es ist die Geschichte von Anna und Dmitrij, die sich im Urlaub auf Jalta begegnen und eine Affäre beginnen — oder eben nicht. Da kann man sich nie ganz sicher sein, und das ist gut so. Miriam Fehlker insziniert ein subtiles Verwirrspiel, in dem alles sein kann, aber nichts sein muss. Wo die Fantasie der Charaktere endet und die Realität der Handlung beginnt, bleibt dem Zuschauer überlassen. (Ich persönlich mag ja die Vorstellung, dass Dimitrij ein depressiver, gealteter Aufreisser ist, der den Herbst seines Lebens nur ertragen kann, indem er sich immer wieder junge, hübsche Frauen herbeifantasiert, die sich unsterblich in ihn verlieben. Aber das ist ein anderes Theme. 😉 )

Laura Daub und Christian Harting machen eine tolle Figur als Anna und Dimitrij.  Sie gibt sich mal zurückhaltend, mal aufbrausend, mal leidenschaftlich, aber immer überzeugend. Ihm nimmt man den gesetzten, welterfahrenen Mann trotz seiner Jugend vom ersten Moment an ab. Die silberne Sweeney-Tood-Locke ist ein netter Touch, die gekonnt Dimitrijs Alter betont, ohne den Zuschauer mit überzogenem Make-Up zu irritieren.  Gelegentlich merkt man Laura und Christian einen Hauch von Nervosität an; — in Anbetracht ihrer souveränen Leistung fällt das jedoch kaum ins Gewicht.

Die gekonnte musikalische Untermalung von Lili Sommerfeld am Klavier tut ihr übrigens, um Jalta nach Berlin zu bringen.


„Ein gesprochenes Wort ist wie ein freigelassener Vogel, den man nicht wieder einfangen kann.“

Die Wahrheit hinter diesem sudanesischen Sprichwort belegten im zweiten Teil des Abends Roman Rehor am Mikrofon und die bereits erwähnte Lili Sommerfeld am Klavier. Sie interpretierten und improvisierten auf der Bühne eine Reihe von Texten aus dem Publikum. Vom Liebesgedicht über die Nähanleitung bis hin zum Märchen-Porno war fast alles dabei, und erstaunlicherweise konnte jeder Beitrag mit einem ganz eigenen Stil und Charme aufwarten. Ich war sehr beeindruckt; — gerade in Anbetracht der nur 20-minütigen Vorbereitungszeit, die Lili und Roman für diese Improvisation vergönnt war.

Kurzum: Wer  in Berlin ist und gestern nicht im TiK war, der sollte heute oder morgen unbedingt gehen. Es lohnt sich!

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Kategorien:Events, Kunst und Kultur Schlagwörter: ,